Über die Freiheit von persönlichen Entscheidungen | 1.07.2010
Ich hatte vor kurzem mit mit einer Freundin und ihrem Mann ein interessantes Gespräch. Meine Freundin hat sich gerade selbständig gemacht, war noch recht aufgeregt, aber sehr froh über die Entscheidung, eine Firma mit kaputten Strukturen zu verlassen und das zu machen, was sie wirklich mag.
Ich denke, der Kern, worüber wir sprachen, war: Die meisten Leute unterschätzen, was für eine Entscheidungsfreiheit sie haben. Viele träumen von einem Leben, was sie aber nie ausprobieren – weil sie das Risiko scheuen oder weil nicht klar ist, ob das reicht oder “weil es einfach nicht geht”. Das ist natürlich keine Entscheidungsgrundlage, also bleibt es beim “ich würde ja gerne”.
Ich denke: Jeder, der eine Idee oder eine Vision hat, sollte sie mit jemandem besprechen, der sie kalkulieren kann. Die meisten Selbständigen (die nicht nur selbständig sind, weil sie müssen) können das, die meisten, die BWL oder Wirtschaftsinformatik studiert haben und als Berater oder Manager gearbeitet haben. Es ist meistens nicht so schwierig ein Risiko zu kalkulieren – mit einiger Unsicherheit, aber eben als Abschätzung. Und ein kalkulierbares Risiko kann eine Grundlage für eine Entscheidung sein.
Ich denke, meist ist das Risiko gar nicht so hoch, wie man denkt. Selbständigkeit ausprobieren? Ja, mit etwas Aufwand: Fixkosten runterfahren, Business Plan mit dem Arbeitsamt für die Förderung aus der Arbeitslosigkeit klären und mit mehreren schon länger Selbständigen besprechen. Sich feste Minimumziele setzen mit klaren Konsequenzen, wenn diese nicht erreicht werden und Zwischenziele wieder von jemand externem prüfen lassen. So beschränkt man sein Risiko.
Auch Chancen lassen sich bewerten und damit das Potential einer Entscheidung. Was kann wirklich aus dem Projekt werden und was ist das Ergebnis – finanziell, aber auch nach anderen Messkriterien. Bei Selbständigkeit geht es vielen (auch mir) nicht nur um Geld verdienen, sondern vor allem auch darum, Freiheit zu erlangen – Freiheit über den Alltag, über Entscheidungen, über Arbeitsstrukturen. Und dann in Relation setzen: Lohnt es das Risiko?
Wenn möglich: Im Kleinen ausprobieren. Zu einer Vision von einem anderen Leben gehört für die Umsetzung ein Weg dorthin. Dieser Weg kann lang und in kleinen Schritten erfolgen – was ist denn der erste kleine Schritt? Fotographie ist ein schöner Traum, aber wie ist der Weg dahin – viele langweilige Jobs mit kleinkarierten Kunden? Kann ich mich wirklich von anderen Fotographen unterscheiden?
“Geht nicht” gibt es tatsächlich nicht. Meistens bedeutet es: “Ich habe mich für etwas anderes entschieden”. “Ich kann nicht ins Fitness-Studio” bedeutet: “Ich setze die Prioritäten so, dass mir andere Sachen wichtiger sind”. “Ich kann nicht im Ausland arbeiten wegen der Familie” bedeutet: “Ich habe mich zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine Familie entschieden”.
Und das ist der zweite Teil einer Entscheidung: Wenn ich mich für etwas entschieden habe (und mich vorher hoffentlich mit den Risiken auseinandergesetzt habe), dann muss ich auch damit leben. Und nicht rumjammern, was ich verpasst habe. Daran ist nicht die Situation oder jemand anders schuld. Ich habe mich dafür entschieden. Und wenn ich es dadurch getan habe, dass ich etwas nicht entschieden habe.
Um mit zwei Covey-Zitaten zu enden:
While we are free to choose our actions, we are not free to choose the consequences of our actions.
und da das Leben nicht aus einer, sondern aus vielen Entscheidungen besteht:
Until a person can say deeply and honestly, “I am what I am today because of the choices I made yesterday,” that person cannot say, “I choose otherwise”
P.S.: Ich habe inzwischen verstanden, dass Selbständigkeit und Veränderung nicht für jeden etwas ist, vielen geht es nicht darum, etwas Besonderes zu erreichen, diese brauchen einfach einen Job. Dann aber auch bitte nicht ständig jammern über merkwürdige Aufgaben, Strukturen und Chefs. Ihr habt die Wahl, durch andere Jobs oder andere Möglichkeiten.
P.P.S.: Danke an Diana und Christopher für das Gespräch!
